Interaktion ist Trumpf

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Der Erfolg einer Veranstaltung ist davon abhängig, ob und wie es gelingt, die Teilnehmer aktiv einzubinden. Wissenschaftliche Untersuchungen weisen dies eindeutig nach.

Events – verstanden als Veranstaltungen aller Art – sind durch drei Merkmale gekennzeichnet: Inszenierung, multisensuale Ansprache und Interaktivität.

Alle Events sind Interaktionen – denn sie entstehen als Koproduktion von Veranstalter und Teilnehmer. Interaktivität ist also zunächst einmal ein „angeborenes“ Merkmal jedes Events. Doch sind natürlich nicht alle Events gleichermaßen interaktiv: Die Stärke der Interaktion richtet sich danach, wie aktiv bzw. passiv sich Veranstalter und Teilnehmer verhalten. Ist nur eine Seite aktiv, spricht man von einer asymmetrischen Interaktion, sind es beide, von einer wechselseitigen.

Bei vielen Veranstaltungen im Bildungsbereich (Seminaren, Tagungen, Kongresse) dominiert bis heute das „klassische“ Frontal-Konzept: Der Teilnehmer verharrt in der Passiv-Position, ist lediglich mehr oder weniger anwesend. Doch weiß man aus der Lernforschung, dass Passivität der Erinnerungsleistung abträglich ist: Wer lediglich konsumiert, produziert eben nicht mit – und hat im Ergebnis auch weniger davon!

Seit geraumer Zeit wird deshalb zunehmend mit alternativen Veranstaltungsformaten und ‑techniken experimentiert, die eine höhere Beteiligung des Teilnehmers und dadurch ein intensiveres Erleben sicherstellen sollen. Natürlich ist es übertrieben, deshalb gleich von einem Paradigmenwechsel zu sprechen und das Zeitalter der „Unkonferenzen“ auszurufen, wie es zuweilen geschieht. Doch der Grundsatz „Mehr Interaktion!“ weist zweifellos in die richtige Richtung. Zeit also, sich einen Überblick existierender Interaktionskonzepte zu verschaffen und Experten um deren Einschätzung zu bitten. Diese Aufgabe hat Lana Feldmann im Rahmen ihrer Bachelor-Thesis übernommen, die sie an der Fachhochschule Worms unter der Betreuung von Professor Dr. Hans Rück verfasst hat.

Erleben heißt Erinnern

Warum ist Interaktion so wichtig für den Veranstaltungserfolg? Aus wissenschaftlichen Untersuchungen ist bekannt, dass die Lern- und Erinnerungsleistung mit zunehmender Eigenaktivität der Teilnehmer signifikant ansteigt. Denn was man selbst erlebt, ist – im Gegensatz zum Hörensagen – Wirklichkeit. Das hängt auch mit der Anzahl der angesprochenen Sinne zusammen, wie Abbildung 1 verdeutlicht.

Die Grafik besagt: Von Informationen, die durch Lesen aufgenommen werden, behält der Mensch im Durchschnitt nur 10 %. Bei einer Verbindung von Zusehen und Zuhören steigt dieser Anteil auf 50 %. Wird der Lernende hingegen selbst aktiv, werden im Durchschnitt 90 % der aufgenommenen Informationen behalten.

Fazit: Eine partizipative Veranstaltungskonzeption ermöglicht es den Teilnehmern, mit ihren eigenen Kompetenzen, Meinungen und Erfahrungen aktiv zu werden und sorgt auf diese Weise für höheres Engagement, intensiveres Erleben und nachhaltigere Lerneffekte. Interaktion ist Trumpf – und sie entspricht auch dem Geist der Zeit: Teilnehmer wollen sich heute einbringen und in mancher Hinsicht auch selbst inszenieren. Interaktive Veranstaltungskonzepte bereiten die Bühne hierfür.

Kleine Interaktivitäts-Typologie: Formate – Elemente – Medien
Das Feld der Interaktion ist weit. Um etwas Ordnung in die Vielfalt ihrer Erscheinungsformen zu bringen, empfiehlt es sich, interaktive Formate, Elemente und Medien zu unterscheiden.
Interaktive (Veranstaltungs-)Formate prägen eine ganze Veranstaltung. Bekannte Beispiele sind Open Space-Konferenzen und Bar Camps. Auf diese kommen wir gleich noch ausführlich zu sprechen.
Interaktive Elemente sind einzelne Bausteine einer Veranstaltung; sie prägen nicht das Veranstaltungsganze. Man spricht auch von „UMTKProgrammen“ (Unterhaltung/Motivatio /Teambuilding/Kommunikation). Hierzu zählen v. a. Spielstationen bzw. Unterhaltungs- oder Kreativ-Elemente, welche die Teilnehmer oft in Gruppen absolvieren; man denke etwa an die bekannten Trommelworkshops. Weitere Beispiele sind Q&A-Sessions und Expertenrunden. Interaktive Elemente können als Mensch-Mensch-Interaktionen oder als Mensch-Maschine-Interaktionen gestaltet werden. In letzterem Fall kommen mediale Hilfsmittel zum Einsatz:
Interaktive Medien sind – meist elektronische – Hilfsmittel bzw. Endgeräte. Hierzu zählen interaktive Videoprojektionen, die durch Bewegungen der Teilnehmer gesteuert werden, und Multitouch-Tische, deren digitale Inhalte durch Berühren mit den Fingern und Bewegen dirigiert werden können und interaktive Informationen zur Verfügung stellen. Weitere Beispiele sind „Spot Me“-Geräte zur Ortung von Teilnehmern oder elektronische Antwort- und Abstimmsysteme, die sofortiges Feedback ermöglichen – hier kommen neben klassischen TED-Systemen vermehrt iPads und iPods zum Einsatz, die zugleich als elektronische „Event Guides“ dienen und vertiefende Informationen zur Verfügung stellen können.

Natürlich sind die Übergänge zwischen den drei Kategorien fließend: So können bestimmte interaktive Elemente auch Format prägend wirken – etwa Rollenspiele (wie z. B. ein interaktives Unternehmenstheater, in dem die Mitarbeiter unter Anleitung von Schauspielern Konflikte oder Probleme aus dem Arbeitsalltag spielerisch oder sogar kabarettistisch auf einer Bühne darstellen und so ihr Problembewusstsein schärfen.) Und manches neuartige Medium hat zur Entstehung ebenso neuartiger Interaktionselemente geführt – man denke etwa an Q&A-Sessions mittels „Twitter Walls“.

Welche Formate sind die innovativsten und interaktivsten?
Betrachten wir vor allem die interaktiven Formate noch etwas näher (siehe hierzu auch das Glossar im Info-Kasten). Lana Feldmann hat im Rahmen ihrer Bachelor-Thesis Experten aus der Eventbranche befragt und gebeten, die wichtigsten der ihnen bekannten Formate zu benennen und sodann deren Zukunftsträchtigkeit einzuschätzen. Dabei wurden vor allem der Grad der Interaktion und der Innovation berücksichtigt. Das Resultat ist in Abbildung 2 wiedergegeben.

Wir beginnen zunächst im Feld links unten: Dort sind die „klassischen“ Interaktionskonzepte platziert. Sie haben primär zur Aufgabe, Informationen zu übermitteln und diese durch Diskussionen und Fragerunden zu festigen.

Kombiniert man diese traditionellen Methoden mit interaktiven Medien, so wird der Interaktionsgrad angehoben und man gelangt in das Feld links oben. So kann z. B. ein Frontalvortrag durch Nutzung unterschiedlicher „Audience Response“-Systeme an Interaktivität gewinnen, in dem den Teilnehmern kontinuierlich die Möglichkeit gegeben wird, während des Vortrags Fragen zu stellen, Anmerkungen zu verfassen oder anderweitig auf das Geschehen zu reagieren. Im Feld rechts oben schließlich befinden sich die innovativsten und zugleich interaktivsten Methoden. Sie lassen dem Teilnehmer viele bis alle Freiheiten, die Agenda selbst zu gestalten und jederzeit auf den Verlauf der Veranstaltung aktiv Einfluss zu nehmen. Solche „offenen“, damit aber auch wenig steuerbaren Konzepte werden vorzugsweise bei Veranstaltungen angewendet, die der Ideengenerierung oder dem Meinungsaustausch dienen. Interaktion ist mit Risiken verbunden – stets können unerwartete und bisweilen auch unerwünschte Dinge passieren. Hier kann der Veranstalter jedoch bis zu einem gewissen Grad gegensteuern durch die Programmierung der Geräte: Er kann entscheiden, ob Beiträge anonym oder unter Nennung des Namens abgegeben werden müssen und ob die Wiedergabe der Fragen und Kommentare ungefiltert oder gefiltert (durch den Referenten oder eine Redaktion) erfolgt.

Social Media, App & Co. – interaktive Wunderwaffen?
Zwei wichtige Segmente der interaktiven Medien haben wir bisher noch nicht erwähnt – Internet und Mobilfunk. Das sogenannte „Mitmach-Web“ 2.0 ist eine schier grenzenlose Spielwiese für Mensch-Maschine-Interaktionen. Doch ungeachtet der herrschenden „Web 2.0-Euphorie“ werden sich nicht alle der heute gebräuchlichen Anwendungen für Events als sinnvoll erweisen.

Zurzeit wird das Thema Web 2.0 oft auf das Stichwort „Social Media“ verkürzt, doch das ist in mehrfacher Hinsicht kontraproduktiv: Das Web 2.0 umfasst viel mehr als nur die sogenannten Sozialen Medien wie Facebook, Google+, Linked-in oder Twitter. Außerdem steht zu erwarten, dass diese Sozialen Medien vorwiegend im Endkunden-Bereich, etwa bei Public Events, Bedeutung erlangen werden. Im B2B-Segment hingegen ist eine solche Entwicklung unwahrscheinlich – der Nutzwert für Geschäftskontakte ist (mit Ausnahme von Business-Netzwerken) zu gering, weshalb in vielen Unternehmen die Nutzung Sozialer Medien während der Arbeitszeit inzwischen verboten ist. Insgesamt wichtiger werden mobile Anwendungen – und mit ihnen die „Apps“. Die weitere Ausbreitung ist aber auch eine Frage der Endgeräte-Konvergenz: Noch besitzen längst nicht alle Teilnehmer Smartphones oder Tablet-Computer, doch ohne diese wird die neue Wunderwelt von „App & Co.“ keine Flächendeckung erreichen. Die neuen elektronischen Medien eröffnen sehr vielversprechende Möglichkeiten, die Interaktion mit dem Teilnehmer nicht nur zu intensivieren, sondern auch über die Veranstaltung selbst hinaus auszudehnen – auf die Vorlaufphase und die Nachlaufphase, unter Umständen sogar auf die Konzeptionsphase (etwa durch „Crowd Sourcing“). Auf diese Weise wird der Teilnehmer zum „Prozesspartner“ über alle Phasen einer Veranstaltung hinweg. Damit beschäftigen wir uns ausführlich in einem eigenen Beitrag in einer der nächsten Ausgaben dieser Zeitschrift.

Fazit: Nachhaltig wirksame Events brauchen Interaktion!
Die Interaktivität einer Veranstaltung ist elementar für ihren Erfolg: Denn nur das eigene Erleben sichert die dauerhafte Erinnerung an die vermittelten Inhalte. Im Zeitalter der Informationsüberlastung wird die geschickte Kombination aus bewährten Methoden der Informationsvermittlung und interaktiven Medien zum Erfolgsfaktor. Die Veranstalter sind dadurch in Zukunft allerdings gezwungen, sich stets mit den neuesten technischen Entwicklungen auf
dem Markt auseinander zu setzen.

Erschienen in der Events, Ausgabe 05/2012, von Prof. Dr. Hans Rück und Lana Feldmann


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