Lesen im Kaffeesatz: Interessante Szenarien für die Zeit bis 2030

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Wenn Mesut & Ireen (69) in Köln per Smartphone den Zug von Köln zum Barcamp in Barcelona buchen …

…sind wir möglicherweise im Jahr 2030 angekommen. Aber soviel vorweg: Femininisierung und Urbanisierung werden wohl kaum die prägenden Herausforderungen für die Meeting Industry in den nächsten Jahrzehnten sein. Sehr wohl aber Technologie, Globalisierung, Mobilität und Demografie. Das Thema Nachhaltigkeit hinkt da schon leicht hinterher. Eine beachtliche Studie, an der sich führende deutsche Branchenverbände und Organisationen beteiligt haben, riskiert einen visionären Blick auf das Jahr 2030.

Dr. Edgar Göll vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung skizzierte die Methodik im Vorspann zu der von Matthias Schultze (GCB) präsentierten Zusammenfassung. Generell seien das Wünschbare und das Wahrscheinliche untersucht worden unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Mega-Trends.

Nach interdisziplinären Experteninterviews beantworteten in einer zweistufigen Befragung 20 Teilnehmer unter anderem die Frage, wie sich derzeit relevante technische Gegebenheiten voraussichtlich weiter entwickeln werden – immer mit der These vor Augen, dass es schließlich zu jedem Trend auch den denkbaren Gegentrend gibt. Abgerundet wurde das Konzept mit einer Online-Umfrage und einem abschließenden Szenario-Workshop, einer Art „Experten-Finale“ mit intensiven Diskussionen um die drei Dimensionen Technik, Architektur, Wissensvermittlung. Zehn Megatrends ließen sich am Ende auf die Zahl 8 reduzieren.

Technologie, Globalisierung, Mobilität und Demografie werden die prägenden Herausforderungen für die Meeting Industry in den nächsten Jahrzehnten sein.

Technologie – der vermutlich stärkste Treiber
60% der Befragten erachten eine stärkere Einbindung von 3D als hoch wahrscheinlich. Auch organische Leuchtdioden, 500 Nanometer dick und damit dünner als ein menschliches Haar, sehen sogar 75% der Befragten mit einer hohen Umsetzungswahrscheinlichkeit bereits für das Jahr 2019. Das Smartphone wird Dreh- und Angelpunkt der Kommunikation, der Buchungen und des Reisens sein. Intelligente Mensch-Maschine-Schnittstellen werden unseren Alltag bestimmen.

Virtuelle Formen von Lernen und Begegnung nehmen zu, das reine Lernen wird möglicherweise besonders stark in die online-Welt abwandern. Der Einsatz von entsprechenden Technologien zur Vorfeld- und Reichweiten-Verstärkung und –Erweiterung kann allerdings trotzdem die Wertschöpfungsstruktur in den Zentren verlängern.

Technologie-Scouting und Evaluation werden eine auch personell zu lösende Herausforderung für zukunftsorientierte Unternehmen darstellen. Weiterbildung avanciert zur Dauer-Aufgabe, um mit der rasanten Entwicklung im Technik-Sektor Schritt halten zu können. Auch Themen wie „neues Bauen“ im Sinne der Automatisierung von Gebäuden, Technik & Ethik sowie Kompetenzschulungen markieren Herausforderungen für die Eventspezialisten von Morgen, die sich mehr und mehr als „Community-Manager“ begreifen müssen. Flexiblere Bestuhlungen, viele kleine Lounges, offene Zeitpläne bei Kongressen und lockerere Dramaturgie werden dem verstärkten Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Begegnungsqualität und interaktiveren Lernformen in immer stärker segmentierten Kleingruppen Rechnung tragen müssen. Wenn, ja wenn die Technik zunehmend die Aufgabe der reinen Wissensvermittlung übernimmt.

Globalisierung – Deutschland als Profiteur
Kongresse und Tagungen werden immer multinationaler. Supranationale Organisationen gewinnen an Bedeutung und Einfluss, interkulturelle Kompetenzen werden zum Überlebensprinzip für die Erfolgreichen von Morgen. Der Anstieg internationaler Teilnehmer bei Veranstaltungen in Deutschland ist von 14,3 Millionen auf 22,3 Millionen alleine in den letzten sechs Jahren angewachsen. 80 Millionen Übernachtungen von Ausländern werden aber schon im Jahr 2020 hierzulande erwartet – 2010 waren es noch 60 Millionen. Deutschland wird sich im Anforderungsdreieck aus Verkehrsanbindung, Preis/Leistung und Attraktivität behaupten müssen, unter anderem gegenüber den BRICS-Staaten, und dies wohl auch können. Steigende Klärungs- und Vernetzungsprozesse erfordern entsprechend ausgestattete Treffpunkte. Es gilt, den Erwartungsmustern der Teilnehmer gerecht zu werden. Das betrifft Begrüßungsformeln, religiöse Rituale und ggf. notwendige Gebetspausen, Berührungsformen, Tabus, Feiertage und Ernährungsgepflogenheiten. Auf die Marktforschung kommen neue Research-Aufgaben in bis dato unbekannten Märkten zu.

Bei alldem spielt Mobilität eine nicht unwichtige Rolle. Die Bewegungsprofile werden komplexer, kombinierter, flexibler und: stärker an Nachhaltigkeits- und Effizienz-Kriterien orientiert. Neue, multimodulare Konzepte sind gefragt. Mit dem E-Bike vom Haus zur ÖPNV-Haltestelle und von dort direkt zum Flughafen – Mobilitäts-Vorteil und Knotenpunkte werden den einsamen Kopf hinter dem hoch motorisierten Ottomotor zur teuren Rarität machen. Veranstaltungslocations und –Destinationen müssen ihren Platz in der „multimodalen Mobilitätskette“ aktiv definieren und vermarktungsrelevant ausgestalten.

Demografie – Herausforderung auf allen Ebenen
Heute leben auf der Erde bereits 760 Millionen Menschen, die älter als 60 Jahre sind.  2030 werden es aber bereits doppelt so viele sein. In Deutschland wird 2030 jeder Zweite älter als 49 Jahre alt sein – 2009 lag dieses so genannte Median-Alter noch bei 44 Jahren. Die „Jungen“ werden also weniger und damit anspruchsvoller – sie gilt es zu gewinnen mit neuen, interaktiven Formaten. Für die Älteren und Behinderten müssen angemessene „Komfortzonen“ parallel entwickelt werden. Die Mittelschichten werden in den aufstrebenden Ökonomien der Welt wachsen, während sie hierzulande schrumpfen. Wachsende Mittelschichten bedeuten aber eine Zunahme an Besuchsintensität von Tagungen und Kongressen. Diversity Management und Individualisierung gehören mit zum demografischen Wandel. Toleranz und multikulturell verständige Interaktions-Intelligenz werden unverzichtbar sein. Ob der so häufig zitierte Werte-Wandel wirklich so dramatisch ausfällt, das hat weniger mit einem möglichen Gegentrend hierzulande zu tun, als mit einem anderen Wertekompromiss-Level, das schlicht und einfach durch die wachsende Multikulturalität bedingt ist.

Nachhaltigkeit – relevant, aber leicht überschätzt
Das steigende Umwelt- und Kostenbewusstsein wird zu einer stärkeren Dezentralisierung von Veranstaltungen führen. Immer mehr Unternehmen werden Political Correctness im Sinne der drei Säulen der Nachhaltigkeit als mitbestimmendes Kriterium für die Auswahl Ihrer Veranstaltungsdienstleister wählen. Allerdings: In der Studie nimmt der Megatrend Nachhaltigkeit unter den Aspekten „wird sehr stark“ und „stark nachgefragt werden“ nur Rang fünf ein nach Technologie, Demografie, Mobilität und Globalisierung. Wir haben es also trotz aller Relevanz eindeutig mit einer gewissen monochromatischen Überschätzung zu tun.

Dies und das……
Die Architektur muss den veränderten Bedürfnissen folgen. Auch temporäre Veranstaltungsbauten, die vor ihrer technischen „Veralterung“ nach 10-15 Jahren abgebaut und recycelt werden, können eine intelligente, neue Dimension der Nachhaltigkeit definieren. Es gibt daneben erste Veranstaltungszentren auf „Netto-Null-Energie-Standard“: Das erste neu gebaute Kongresszentrum aus dem Jahr 2017 kann seinen Strom-, Heizungs- und Klimatisierungsbedarf komplett aus regenerativen Energien decken! Automatisierung, Besucherführung, Tageslicht und Qualität der Raumluft werden immer begehrte Umgebungsfaktoren sein.

Sicherheit ist ein Aspekt, der aufgrund der derzeit recht unproblematischen Gesamtlage in Deutschland unter den Megatrends zunächst als weniger wichtig bewertet wurde. Das kann sich auch hierzulande ändern – und dann verändert sich das Ranking sofort. IT-Kompetenz und mithin Datensicherheit, Netzsicherheit und Qualität spielen heraus ragende Rollen, sozialer Friede am Veranstaltungsort, Sicherheit der technischen Infrastruktur aber auch frühzeitiges Monitoring von Orga-Risiken wie Streiks, Unruhen usw. über die Beobachtung von Social Media Aktivitäten werden wichtiger. Destinationen mit einer geringen Wahrscheinlichkeit von negativen Naturereignissen sollten auf dem Gebiet langfristig zu planender Kongresse im Vorteil sein – und dies auch in die Waagschale werfen!  

Ein generelles Fazit der Redaktion: Einmal mehr hat eine „Studie“ bewiesen, was wir als aufmerksame Beobachter unserer Umwelt und intelligente Verfolger der allgemeinen Nachrichtenlage ohnehin wissen müssten. Und wie gesagt: Es geht um wahrscheinliche Szenarien. Große Weltwirtschaftskrisen, gar Kriege, Epidemien, gewaltige Naturkatastrophen und zahlreiche andere unwägbaren Ereignisse können wir nicht in Langfrist-Betrachtungen einbeziehen. Auch nicht die Tragweite des unkalkulierbaren Antizyklus. Wichtig ist immer, wie intelligent die Handlungs-Ableitungen sind, die der verantwortungsbewusste Manager für die Zukunftssicherung seines Unternehmens glaubt vornehmen zu müssen. Und wie gut er oder sie das Geschäft beherrscht. Denn die Führungsebene muss jederzeit wissen, wo die Schwachpunkte der eigenen Aufstellung liegen und wie relevant deren Behebung für den Fortbestand des eigenen Unternehmen sind. Das ist sehr individuell. Dass man immer auf der Höhe der Zeit sein sollte, ohne jedem zeitgeistigen Blödsinn gleich zum Opfer zu fallen, versteht sich dabei eigentlich von selbst. Megatrends hin oder her.


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